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Text lesen: Secret Surface – Wo Sinn entsteht.
der Text erschien 2016 in springerin
Secret Surface – Wo Sinn entsteht
Kunst-Werke, Berlin
14. Februar bis 1. Mai 2016

Es gibt Tintenfische, deren Berührung selbst dann noch visuelle Effekte auslöst, wenn sie bereits tot sind. Die Künstlerin Anna Barham präsentiert das schaurig-schöne Phänomen kommentarlos; ob das Tier lebt oder ob es sich "nur" um eine algorithmusgesteuerte Animation handelt, bleibt ebenso ein Geheimnis wie die Frage, ob es als eine Metapher für die Kunst gemeint ist. Die Unbestimmtheit ist bezeichnend für eine Ausstellung, die sich dezidiert auf das Verweilen an der Oberfläche konzentriert, und als Feindbild ein einigermaßen verstaubtes Klischee metaphysischen Tiefsinns heranzieht, um demgegenüber emanzipatives Neuland zu erschließen. Kurzgefasst heißt das: Wir sind es selbst, die ein großes Anderes erfinden, um uns über unsere Unzulänglichkeiten hinwegzufantasieren, und die Kunst hilft uns beim selbstbestimmten Umgang mit diesem Mangel, indem sie das kreative Potential des Alltäglichen auslotet. Charakteristisch für die hier versammelten Ansätze ist es etwa, ungewohnte Verbindungen zwischen gewöhnlichen Dingen herzustellen: Spielzeugroboter mit Blumensträußen, Lifestyle-Design mit monochromer Malerei, Zukunftsvisionen mit autobiografischem Material, Astronomie mit Sex oder Mysterien mit Partyritualen. Das löst verfestigte Sichtweisen und erhöht die Aufmerksamkeit für kommunikative Ordnungen, in denen wir uns bewegen. Die Ansätze verdichten sich aber nie zu einer echten Konfrontation, die gegenüber der gegenwärtigen krisenhaften Realität eine explizit politische Position einnehmen würde. Stattdessen wird eine Sphäre von elaborierter Reflexivität erzeugt, die eher hermetisch und diskret als offensiv auftritt.
So gesehen steht die Ausstellung unter jener vertrauten Art von Bann, die im Kunstsystem durch die Anforderungen des Wettbewerbs vermittelt ist, und in dem sich die Beteiligten mit nonchalanter Zeichenakrobatik behaupten müssen.
Highlights sind so gesehen diejenigen Arbeiten, die die Mentalität von Anpassung und Defensive in den Fokus rücken. Eduardo Basualdos überdimensionaler schwarzer Aluminiumklumpen lässt beispielsweise dem Betrachter keine Möglichkeit mehr zur Distanz, und zwingt ihn auch körperlich in die wenigen verbleibenden Winkel des Raumes. Frances Stark lädt zu einem Salon mit weißen Sofas ein, in dem ein subtiler Kurznachrichten-Dialog über gegenseitiges Interesse unter expliziter Erwähnung der Geschlechtsorgane stattfindet und tendenziell narzisstische Wunden offenlegt. Einen vielschichtigen Kampf mit übermächtigen Idealen um die eigene Autonomie führt Trisha Baga in einer Videoarbeit vor: Im virtuellen Raum ihres Homecomputers setzt sie sich selbst neben verschiedenen Auftritten von Madonna und anderen Symbolen des westlichen Mainstreams in Szene, und stellt dabei – vor allem auch über gezielte Regelverstöße und Brüche im Ablauf – ihre Kritikfähigkeit aufs lebendigste unter Beweis. Allerdings verbleibt alles im Zirkel individueller Selbstermächtigung und ignoriert soziale Zusammenhänge oder gar Bewegungen komplett.
Wenn das das Geheimnis der Oberfläche ist, dann ist es ein eher trauriges, und steht mit den Psychopathologien im Zusammenhang, wie sie als Begleiterscheinungen eines kognitiven Kapitalismus thematisiert wurden. Die Arbeiten von Nora Schultz können unter diesem Aspekt als Ausdruck eines allgemeinen Zuges gelten; mittels rudimentärer Gestelle flüchten sie in die Höhe, wo aber auch eigentlich nur Platzhalter von Objekten zu erkennen sind, und führen so ihren eigenen Eskapismus als Inhalt vor. Emily Roysdon spielt mit einer Serie von Keramikobjekten, die mit Uhrwerken gleichgetaktete Bewegungen vollführen, auf die Zwänge im Zeitmanagement an, denen auch die kreative Sphäre zunehmend unterworfen ist.
Den womöglich ultimativen Schritt steuert Mark Leckey mit dem Bildzitat aus einer Nachkriegskomödie bei, wo ein Mann als Frau verkleidet der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Nur die Augen hinter der als Maske dienenden Figur bewegen sich, und lassen Angst und Entsetzen eines ohnmächtigen Subjekts erahnen. In einem Interview erklärte der Künstler, dass Momente der absoluten Erniedrigung für ihn Momente transzendenter Extase sind, und dass gerade sie seine Arbeit motivieren. Allerdings lässt auch er sich vom auffällig gemusterten Kleid der Figur faszinieren – vielleicht umso mehr als es ein wesentlicher Bestandteil des Desasters ist.